Radikal ganzheitlich: Eine Begegnung...

mit Wolfgang Wünsch (92), der 1971 die Freie Waldorfschule Köln/Bonn mit gegründet hat

Am 17. April 2020 verstarb unser Gründungslehrer Wolfgang Wünsch. Er hat letztes Jahr anlässlich von „Waldorf 100“ noch Zeit für ein Gespräch zur Schulgründung, zu aktuellen Herausforderungen und zu seinen Wünschen für „Waldorf 200“ gefunden. Das Interview mit ihm und den ergänzenden Betrachtungen von Ernst-Christian Demisch zum Umzug nach Tannenbusch wurde im Jahrbuch 2019 gedruckt. Anlässlich des Todes von Herrn Wünsch veröffentlichen wir das Interview unverändert auch hier. Alle Zahlen sind deshalb auf dem Stand von 2019.

 

Interview und Text: Christopher Braun (cbraun2276@aol.com)

 

Das hundertjährige Jubiläum der Waldorfschulen 2019 ist ein guter Anlass, sich über die kommenden 100 Jahre Gedanken zu machen. Wie werden die Waldorfschulen 2119 aussehen? Was wird bleiben? Was wird sich verändern? Vielleicht hilft bei diesen Fragen ein Blick in die Vergangenheit in Verbindung mit der variierten Frage: Was hat sich denn bereits verändert? Statt wie Historiker mit der Zeit von 1919 bis 2019 abstrakt das ganz große Rad der Geschichte zu drehen, habe ich ganz pragmatisch und konkret den Blick auf „unsere“ Schule gerichtet. Die gibt es seit 1971, also immerhin 48 Jahren.

 

Warum eigentlich?

 

Was hat die Menschen bewegt, 1968 einen Schulverein zu gründen und den Schulbetrieb in einer Baracke neben der ehemaligen Äthiopischen Botschaft in Bornheim Roisdorf aufzunehmen? Ich war sehr verblüfft festzustellen, dass ich zwar meine gesamte Schulzeit seit 1978 auf dieser Waldorfschule verbracht habe, aber zu dieser Frage nur sehr wenig wusste. Zufällig hatte ich gesehen, dass mit Wolfgang Wünsch ein Gründungslehrer für Vorträge durch Deutschland reist. Er wird 93, aber die Stimme beim ersten telefonischen Kontakt klingt eigentlich wie früher. Wir verabreden uns kurzfristig zum Gespräch in seinem Haus in der Nähe von Bremen.

 

Beruflich habe ich schon viele Interviews geführt, gerade letztes Jahr hatte ich Gesprächspartner, die 103 bzw. 95 Jahre alt waren. Trotzdem war es ein ungewöhnlicher Termin für mich, denn je näher ich unserem Treffpunkt kam, desto konkreter wurden meine Erinnerungen an meine eigene Schulzeit: Daran, dass die älteren Schüler uns Erstklässler gerne mal mit dem Kommando „Du musst zum Lehrer Wünsch“ abführten, was einen Eindruck über seine natürliche Autorität gibt. Wie er uns in der Oberstufe mittels eines Elektro-Rasierers an seiner Wange demonstrierte, wie die Obertonreihe klingt. Musikstunden voller Improvisation und der Gehörschulung. Der Künstlerische Abschluss mit Auszügen aus Mozarts Requiem und Porgy and Bess. Er konnte auch bei den Schülern Begeisterung erwecken, die mit dem Fach fremdelten oder sorgte bei ihnen zumindest für Ruhe. Wir spürten seine Leidenschaft und dahinter aber auch eine Radikalität, die selbst für Abiturienten manchmal ein wenig unheimlich war. Wegen seiner großen Augen und der asketischen Gesichtszüge nannten wir ihn deshalb heimlich „Kinski“, in Anlehnung an den berühmten Schauspieler.

 

Ich erkenne ihn sofort wieder: Er ist kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber das Gesicht, die Stimme und die Augen sind wie früher. Wir führen das Gespräch zusammen mit seiner Frau Barbara in der Küche des Hauses. Und es wird ein ganz anderes Interview, als vorher vermutet: Die Fragen rund um die Schulgründung werden präzise und klar beantwortet, es überwiegt ein sehr nüchterner Blick zurück. Nicht aber bei den Fragen zur Zukunft: Da erlebte ich einen leidenschaftlichen und durchaus radikalen Reformer mit großer Lust zum Umsturz traditioneller Unterrichtsformen.

 

 

Wolfgang Wünsch

1926 in Halle geboren. Wird mit 15 Jahren Flak-Helfer und entscheidet sich mit 17 für eine Laufbahn als Reserveoffiziersanwärter. 1945 kommt er 10 Tage vor Kriegsende an die Front, an der er 14 Tage kämpft, da die Meldung vom Kriegsende nur zeitverzögert in Tschechien ankommt. Verbringt vier Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft in einem Lager am Kaspischen Meer und erlebt das 75% der Gefangenen an Krankheiten und Seuchen sterben. Zurück in Halle holt er binnen drei Monaten das Abitur nach, kann aber nicht wie gewünscht Mathematik studieren, da er u.a. durch einen Aufsatz zum Freiheitsbegriff Friedrich Schillers und kritischer Fragen politische Schwierigkeiten bekommt. 1950 Flucht per Fahrrad nach West-Berlin und vorerst Leben im Auffang-Lager. Da sich das ursprüngliche Ziel eines Mathematik-Studiums an der Freien Universität nicht umsetzen lässt, studiert er mit nur 25 Kommilitonen Kirchenmusik an der Kirchenmusikschule Berlin Spandau. Hier kommt er erstmals mit der Anthroposophie in Berührung. Nach Abschluss mit Staatsexamen sechs Jahre lang Studium der Naturwissenschaften in Freiburg, mit der abschließenden Entscheidung, sich auf die Musik zu konzentrieren. Gründung einer Anthroposophischen Gruppe an der Universität und Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft. Professor Ernst Lehrs („Mensch und Materie“), der Rudolf Steiner noch persönlich kannte, führt ihn weiter in die Anthroposophie ein. Nach einem zweimonatigen Stipendium an der Uhlandshöhe in Stuttgart übernimmt er dort als Klassenlehrer eine 8. Klasse, allerdings ohne die Möglichkeit, Musik unterrichten zu können. Die bekam er an der Waldorfschule Marburg. Hier bekam er Kontakt zum Industriellen Arnold Langen (Zuckerfabrik Pfeiffer & Langen), der ihn nach Köln zu einem Vortrag einlädt - im Rückblick der Beginn der Gründungsgeschichte der Freien Waldorfschule Bonn (siehe Interview). Nach Ende des Schuldienstes bis heute kein Ruhestand im engeren Sinne: Wünsch engagiert sich bis heute bei der Ausbildung von neuen Waldorf-Lehrern in Deutschland, Nord- und Ost-Europa, sowie einige Jahre am Seminar in Witten-Annen. Im Alter von 87 wird er nochmal für drei Jahre als Musiklehrer in Bremen aktiv. Wolfgang Wünsch stirbt am 17. April 2020 in Bremen.

 

Herr Wünsch, die Freie Waldorfschule Köln/Bonn hat im Sommer 1971 ihren Betrieb aufgenommen. Wie kam es dazu?

 

Die Vorgeschichte beginnt in den 60er Jahren: Hier hatte sich um Dr. Schönemann und den Industriellen Arnold Langen ein anthroposophischer Kreis gebildet, der jedes Wochenende Menschenkunde-Seminare für angehende Waldorf-Lehrer und interessierte Eltern anbot. Da es zufälligerweise ein Jahrsiebt bis zur Schulgründung gebraucht hat, muss das ab 1964 gewesen sein. Ich wurde 1968 zu einem Vortrag dorthin eingeladen und war von der Zeit an jedes Wochenende mit dabei und kam dabei mit der Idee der Schulgründung in Berührung.

 

Wie war denn der Weg von der Idee zur ersten Schulstunde?

 

Herr Langen hatte Kontakt zum damaligen Ministerpräsidenten und handelte mit dessen Staatssekretär die Gründung einer Waldorfschule im Vorgebirge aus. Der Schulverein wurde bereits 1968 gegründet und beim Kultusministerium angemeldet. Als ich dazu kam gab es viele Diskussionen um den Schulstandort, an den einige Beteiligte hohe Ansprüche hatten. Deshalb gab es nur sehr langsame Fortschritte. Als wir dann von dem Grundstück in Roisdorf neben der damaligen Äthiopischen Botschaft hörte, haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass wir es uns für die Schulgründung sichern. Es war klar, dass es nur ein Provisorium war, aber es war wichtig, dass wir endlich beginnen. Wegen des auch damals grassierenden Lehrermangels gab es bezüglich neuer Schulgründungen nämlich große Bedenken und ich hatte Sorge, dass sich für unsere Schule dort bald die Türen schließen.

 

Wer waren die Gründungslehrer und wie haben sie sich gefunden?

 

Im Rückblick sehe ich Herrn Bauer und Herrn Bütow mit mir als Gründungslehrer. Wir kannten uns , wie alle anderen Lehrer der ersten Stunde, aus dem schon erwähnten Seminar. Dr. Schönemann, Herr Langen und Klaus von Dohnanyi, der später Hamburger Bürgermeister wurde, waren uns bei der Gründung ebenfalls wichtige Stützen und Berater. Schließlich gehört zur Selbstorganisation einer Schule weit mehr als nur das Unterrichten.

 

Im Rückblick: Was zeichnete die Gründungszeit aus?

 

Wir waren eine sehr übersichtliche Gemeinschaft mit viel Pioniergeist, die sich persönlich sehr gut kannte. Obwohl wir zu Beginn nur sieben Lehrer waren, haben wir großen Wert darauf gelegt, gleich mit den Klassen 1-5 zu starten. Wir wollten eben eine Schulgemeinschaft und nicht nur eine Klassengemeinschaft gründen. Ich erinnere mich an eine große gestalterische Freiheit und einen enormen Zusammenhalt des die Schule leitenden Kollegiums. Wir haben aber gleichzeitig alle wichtigen Entscheidungen mit dem aus 30-40 Eltern bestehenden Initiativkreis rückgekoppelt, der uns mit Rat und Tat zur Seite stand. Von Dohnanyi half uns zum Beispiel, dass die Konstruktion - der Förderverein kauft die Schule und vermietet sie an uns zurück -  zu diesem Zeitpunkt noch machbar war. Da das Land für die Miete aufkam, kannten wir deshalb zunächst auch keine finanziellen Engpässe. Vorstand und Lehrer beschlossen alle Gehälter gemeinsam. Auf solche Strukturen wären wir als Lehrer alleine nie gekommen. Es ging uns vor allen Dingen  darum, diese neue Waldorfschule gemeinsam möglich zu machen, was nur mit dem großen freiwilligen Einsatz der Gemeinschaft und vielen kreativen, pragmatischen Ideen gelungen ist. Hier haben insbesondere der Initiativkreis und seine Initiatoren Großes geleistet.

 

Können Sie drei positive und drei negative Punkte benennen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

 

Positiv war sicher der große Eifer und die Begeisterung der Kinder in den ersten Jahre unserer Schule. Das war die großartigste Bestätigung unserer ersten Schritte in der neuen Schule.

 

Auch war es eine große Geste des Vertrauens, dass die Delegiertentagung aller Freien Waldorfschulen Deutschlands kurz nach der Schulgründung in unseren nicht sehr repräsentativen Baracken in Roisdorf stattfand. Viele Waldorflehrer wollten die neue Schule sehen, was uns sehr gefreut hat.

 

Ich erinnere mich auch gerne an eine Basalt-Säule, die die allererste fünfte Klasse dann als 12. Klasse in der Mitte des Roisdorfer Schulhofs errichtet hatte: „Die Pioniere“ war die Inschrift.

 

Negativ sind mir eigentlich nur zwei Erlebnisse noch besonders präsent

 

Wir mussten uns schon relativ kurz nach der Gründung von einem der ersten Klassenlehrer trennen, weil unser Verständnis von Unterricht nicht vereinbar war. Im Sinne unserer Verantwortung gegenüber den Schülerinnen und Schüler sicher auch im Rückblick eine richtige Entscheidung. Persönlich ist sie uns allerdings sehr schwer gefallen.

 

Die Entscheidung für den Standort des neuen Schulgebäudes hat die Gemeinschaft und insbesondere das Kollegium fast in die Spaltung geführt. Das war eine wirklich essentielle Krise und dabei gleichzeitig auch das Ende der Pionierphase und damit auf eine gewisse Weise auch des gemeinsamen Pioniergeists.

 

Können Sie das bitte näher ausführen?

 

Es gab als die Zeit der Baracken in Roisdorf ablief zwei Fraktionen: Die eine Fraktion wollte einen Schulneubau komplett in der Natur, quasi fernab der Zivilisation. Die andere Fraktion konnte sich eine stadtnahe Lösung vorstellen, die schneller umsetzbar (Roisdorf war ja viel zu klein), und besser erreichbar war.

 

Auch für mich persönlich war es eine sehr schwierige Zeit. Ich konnte Vorteile in beiden Varianten sehen und wollte mich keinem Lager zuordnen lassen. Am Ende habe ich für Bonn votiert, weil es die realistischere Lösung war. Der Weg zum Umzug verlief nach der Entscheidung dann sehr zügig.

 

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Nachgefragt: Ernst-Christian Demisch erinnert sich an die Diskussion um den neuen Schulstandort

 

Der Bürgermeister von Bornheim plante in den 60er Jahren eine Siedlung oberhalb des heutigen Stadtgebietes in der Nähe des Heimatblicks. Als Schule sollte dort eine Waldorfschule errichtet werden. Da damals eine aktive Elterngruppe um Dr. Günther Schönemann aus Bad Godesberg seit Jahren an die Gründung einer Freien Waldorfschule dachte, ging sie auf das Angebot von Bornheim, die neue Schule dort zu gründen, ein. Viele Eltern und der Zucker- Fabrikant Langen aus Köln sicherten sich Grundstücke für die künftige Schule und für eigene Wohnmöglichkeiten. Nachdem dieses Projekt  der Gemeinde Bornheim dann allerdings platzte, blieb der Wunsch, eine Schule zu gründen weiter bestehen.

 

In Roisdorf wurde schließlich 1971 in einem Provisorium mit fünf Klassen begonnen und nachdem sich herausstellte, dass man auf diesem, vor allen Dingen zu kleinen Standort nicht ewig bleiben konnte, wurde ab 1975 intensiv nach einem Baugrundstück für eine Freie Waldorfschule gesucht . Nach jahrelangen Recherchen fand sich schließlich die leerstehende Hauptschule in Bonn- Tannenbusch als einzige realistisch umsetzbare Möglichkeit. Da aber eine Gruppe von Eltern und Lehrern an der Idee einer Waldorfschule im Grünen festhielten , gab es in der Schulgemeinschaft starke Spannungen. Nachdem auf der Mitgliederversammlung der Bauimpuls für Tannenbusch bestätigt wurde, zeigte sich die Spaltung der Schulgemeinschaft in äußerst kontroversen Diskussionen auch bei der Auswahl der Architekten . Schließlich wurden Penzek /Knieriem aus Stuttgart mit der Planung der Freien Waldorfschule in Tannenbusch beauftragt. Im Juni 1984 wurde dann der erste Bauabschnitt der Schule feierlich eröffnet .

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Fortsetzung Interview Wolfgang Wünsch

 

Was hat sich aus Ihrer Sicht über die Jahre bis zu Ihrem Verlassen der Freien Waldorfschule Bonn verändert?

 

Auch hier ziehe ich eine differenzierte Bilanz. Wir haben gerade in den oft kritischen künstlerischen Fächern und bei den Klassenlehrern schnell zu einer Stabilität gefunden, um die andere Schulen lange ringen mussten. Auch wurde die Einbindung der Eltern klarer geregelt, die Schule profitiert sehr von dem Sachverstand der Elternschaft.

 

Die Experimentierfreudigkeit hat aber gerade in der Oberstufe im Vergleich zu den Gründungsjahren abgenommen. Das Abitur mit seiner Normierung scheint mir immer früher seinen Schatten voraus zu werfen. Eigentlich wäre eine nach einigen Jahren eine Oberstufen-Reform notwendig gewesen. Ich bin allerdings  damals schon mit der Idee eines nicht am regulären Curriculum angepassten Wahl-Pflicht Unterrichts nach der normalen Schulzeit gescheitert.

 

Aber es ist wahrscheinlich nicht ungewöhnlich, dass eine Organisation nach erfolgreich überstandener Pionierphase zu einer gewissen Normalität findet – mit allen Vor- und Nachteilen.

 

Warum sollte man heute sein Kind auf eine Waldorfschule schicken?

 

Die Waldorfschulen haben aus meiner Sicht nach wie vor die besten Möglichkeiten, Kinder erfolgreich auf die Zukunft vorzubereiten. Kinder suchen die innerste Weisheit, die Frage wozu die Menschen eigentlich auf der Welt sind. Diese Fragen kann aber nur jedes Individuum für sich selbst beantworten und an einer Waldorfschule erhält jede Schülerin und jeder Schüler den Raum, seinen eigenen Weg dahin zu finden. Durch die ganzheitliche Perspektive und den Fokus auf Zusammenhänge erhalten die Kinder und Jugendlichen dabei einen wesentlich verlässlicheren Kompass für ihre Reise, als Wissen, was sowieso immer schneller veraltet. Es geht aber viel mehr darum, die Kinder und Jugendlichen zum Stellen der richtigen Fragen zu ermutigen und ihnen dazu die notwendige Methodik zu vermitteln. Das Beispiel der Demonstrationen „Fridays for Future“ zeigt ja gerade ganz aktuell, wie groß das Interesse junger Menschen an den tatsächlich elementaren Fragen ist, und dass sie sich dafür, ganz im Gegensatz zum Klischee der gleichgültigen „ Generation Smartphone“ sehr wohl auch engagieren. Ausdruck und Kommunikationsformen haben sich natürlich durch die neuen Medien geändert. Ich halte Smartphones und Tablets als Recherche-Werkzeuge für Jugendliche übrigens durchaus für geeignet. Aber eben nur als Werkzeug bei der Suche nach den Rätseln der Welt, sowie der Beschäftigung mit essentiellen Fragen und nicht als virtuelle Ersatz-Welt oder gar als Kasino. Meine Überzeugung ist, dass wenn diese Suche nach Zusammenhängen im Unterricht pädagogisch adäquat vermittelt wird, kein Jugendlicher durch die Arbeit mit einer z.B. Internet-Suchmaschine handysüchtig wird. Einfach weil dann der Unterricht viel zu spannend ist, so dass virtuelle Ablenkungen keine Chance haben. Die Nutzung von Internet-Suchmaschinen und die Fähigkeit, dort bereitgestellte Informationen zu prüfen und einzuschätzen, ist heute allerdings eine Kernkompetenz, über die auch Waldorfschulabgänger verfügen sollten. 

 

Was wünschen Sie sich für Waldorf 200?

 

Dass Waldorf tatsächlich die Welt verändert.

 

Dass nun die tatsächlichen Fähigkeiten der Individuen zum Tragen kommen und die Menschen nicht mehr in vermeintlich allgemeingültige Normen gepresst werden.

 

Ein neues Sozialsystem, in dem Arbeit Lebensinhalt und nicht mehr Broterwerb ist. Eine tatsächliche Demokratie in einer Völkergemeinschaft, in der jede Nation ihre Besonderheit zeigen kann: Individualität als positive Differenz, eine Kultur, die die Andersartigkeit des Anderen als Bereicherung empfindet. Und dass trotz aller Unterschiede schon in der Waldorfschule die Einheit, die Zusammenhänge der Kräfte in der Welt entdeckt werden. Zudem wünsche ich mir für die Schulen, den Mut soziale Strukturen zu entwickeln, die tatsächlich zu den Menschen passen und sie damit näher an die geistigen Kräfte führen.


Letzte Frage: Wie verstehen Sie die Rolle der Musik bei Steiner und im Fächer-Kanon der Waldorfschulen?

 

Das ist eine sehr umfassende Frage, auf die ich ganz bewusst nur sehr kurz antworte:

 

Musik ermöglicht,

 

das Verhältnis des Menschen zu seinen innerseelischen Prozessen und zu den Kräften, die in Natur und Kosmos leben im Musikalischen sich bewusst zu machen und Korrespondenzen zu entdecken;

 

Bewegliche und sich immer neu bildende Ordnungen in der Musik zu erleben und zu begreifen;

 

Das Verhältnis zu sich selbst und den Anderen im musikalischen

 

Zusammenspiel so zu üben, dass das Ergebnis gemeinsamen Tuns ein

 

optimales wird;

 

Im Ton sich immer mehr den gestaltenden Kräften in Erde

 

und Kosmos zu nähern.

 

 

Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.