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Blick über den Zaun (BüZ)

Liebe Schulgemeinschaft,

 

Schulentwicklung ist ein herausforderndes Unterfangen und vielmehr ein kontinuierlicher Prozess als ein Projekt, das es abzuschließen gilt. Wir wollen Schule besser machen und damit sind wir nicht allein. Im Schulverbund Blick über den Zaun (BüZ) treffen sich Schulen, die sich gemeinsam auf den Weg machen und sich dabei unterstützen wollen. So auch wir. In unserem Arbeitskreis P sind staatliche Grund- und Gesamtschulen sowie freie Schulen, die nach unterschiedlichsten Prinzipien wie Dalton, Juul oder eben wie wir nach der Pädagogik Rudolf Steiners arbeiten. Am 26.-28.11. kamen so Schulen aus Berlin, Erfurt, Mittelweser, Köln, Lindau und Bonn in Braunschweig zusammen, um die dortige IGS Querum zu besuchen.

 

Das zentrale und ziemlich einzigartige Unterstützungswerkzeug des BüZ ist das Peer Review. Im Hinblick auf eine von der besuchten Schule spezifizierten Frage, kommt der Arbeitskreis mit 1-3 Personen pro besuchender Schule zusammen. Die IGS Querum wollte von uns zum Beispiel wissen, wie ihre Bestrebungen gelingen, die Schüler:innen in einem selbstorganisierten Lernen und der eigenen Gestaltung ihres Lernprozesses zu fördern. Um dies beurteilen zu können, nahmen wir die Schule und ihr neues Konzept in Augenschein. Dieses basiert auf einem stark projektorientierten Lernen, für das die klassischen Schulfächer als alleinstehende Themen abgeschafft und durch an den BNE-Zielen (Bildung für nachhaltige Entwicklung) orientierte Projekte ersetzt wurden. Diese Projekte sind zurzeit noch klassenspezifisch, gehen über ein Quartal und bestehen aus einer Grundlagen- sowie einer stärker individuellen Intensivphase. Für beide Phasen hat das Kollegium in einer aufwändigen Vorbereitung Fächer verzahnt und Unterrichtsmaterialien vorbereitet, sodass die Schüler:innen selbst entscheiden können, wie detailliert sie sich welchem Teilbereich widmen. Eine beispielhafte Kombination könnte Mathematik, Geschichte, Physik und Englisch unter dem Mantel der Beschäftigung mit der Energiegewinnung sein. In den Klassen 5 bis 7 werden die dafür nötigen Arbeitsaufträge und Materialien in Ordnern bereitgestellt. Für die Klassen 8 und 9 im digitalen Lerntagebuch Scobee.

 

Dort befinden sich auch die Unterlagen für die Lernbüros. Diese erlauben das tägliche Lernen von Mathe, Englisch und Deutsch. Jedes Fach sollte einmal pro Woche besucht werden und wird von einer Fachlehrer:in betreut. In zweiwöchentlichen Coachinggesprächen reflektieren Betreuer:in und Schüler:in den Lernfortschritt und vereinbaren gegebenenfalls eine neue Schwerpunktsetzung. Darüber hinaus gibt es Tests, zu denen sich die Schüler:innen selbstständig anmelden können.

 

Die Aufgaben in den Projekten und Lernbüros gibt es in vier Schwierigkeitsstufen, die sich die Lernenden weitestgehend selbst auswählen dürfen. So ist nicht nur das Lerntempo über die individuelle Auswahl und Bearbeitung der Aufgaben, sondern auch das Anforderungsniveau wählbar. Zeigen sich die Schüler:innen als zuverlässige Lernende, so werden sie vom Starter zum Durchstarter und schließlich zum Lernprofi. Abhängig von der sogenannten Graduierung können sie im Klassenraum, in Gemeinschaftsräumen oder sogar einen Tag Zuhause lernen.

 

Abgerundet wird das Angebot noch durch vielfältige Werkstätten, die für ein bis zwei Quartale gewählt werden können und von einer zusätzlichen Fremdsprache über Garten, Theater bis hin zu finanzieller Bildung reichen. Davon können gleichzeitig zwei besucht werden.

 

Fasziniert von dieser umfassenden Neugestaltung des Lernens hospitierten wir einen Vormittag in den Klassen 5 bis 9, um die reale Umsetzung zu erleben. Der Tagesablauf war exemplarisch:

  • 8 - 8:30 Uhr: offener Anfang mit Zeit für Gespräche und die Zuordnung in die Lernbüros
  • 8:30 - 9:30 Uhr: Lernbüros (Mathe, Deutsch, Englisch)
  • 9:55 - 11:15 Uhr: Projektlernen und Werkstätten für einige Klassen

Während wir Hospitanten dann unsere Eindrücke reflektierten und später Interviews mit Pädagog:innen, Eltern und Schüler:innen führen durften, ging der Schultag noch weiter.

 

Es wurde sehr deutlich, dass die Balance zwischen Freiheit und Struktur in den Lernphasen eine große Herausforderung ist. Wie weit nehme ich mich zurück als Lehrperson? Wo brauchen die Schüler:innen einen Stups, wo persönliche Anleitung, wo einen Rahmen, der Grenzen aufzeigt? Ein Text in einem Schulbuch und die eigene Recherche im Internet können den direkten Kontakt mit einer Fachfrau nicht ersetzen. So ein Lernen ist anstrengend und digitale Medien bieten umso mehr eine willkommene Abwechslung für die Schüler:innen. Wie ein zielgerichteter Einsatz erfolgen kann, was dabei altersangemessen ist und wie das von einer Lehrperson in so einem lebendigen Arbeitsumfeld begleitet werden kann, bleibt eine offene Frage.

 

Nach dem wir als Arbeitsgruppe alle unsere Eindrücke geteilt hatten, sammelten wir die Schätze der IGS Querum. Es war fast erlösend nach dem Betrachten der Herausforderungen, den Blick auf all das Positive, die Ressourcen und Chancen zu lenken. Um unseren Auftrag als kritische Freunde zu erfüllen, wandten wir uns den gestellten Review-Fragen zu und rangen um eine möglichst präzise Formulierung von Fragen, die wir der Schule zur weiteren Bearbeitung zurückgaben. Denn das Ziel war nicht Antworten oder Bewertungen abzugeben, sondern Unterstützung zur eigenen Beantwortung ihrer Frage zu bieten.

 

So komplex wie die Fragestellung waren dann auch unsere Rückmeldungen, wie zum Beispiel: „Wie kann die Verantwortung dafür übernommen werden, dass Handlungsschritte von Erwachsenen und Kindern gelingend ineinandergreifen und dadurch alle Schüler:innen befähigt werden?“ Die Ergebnisse stellten wir erst der Schulleitung und der BüZ-Arbeitsgruppe vor, die mit der Arbeitsweise bereits vertraut waren. Anschließend präsentierten wir es etwas ausführlicher allen Interessierten der Schulgemeinschaft.

 

Wer Interesse hat mehr zu erfahren, kann sich die Homepage von Blick über den Zaun ansehen oder diesen Podcast anhören:

 

https://open.spotify.com/episode/42xE18SywePuAmxExTxHru?si=wheM23G4Tk6LzZV0WS4Ezw

 

Abschließend noch mein Fazit:

 

Was für ein fordernder und zugleich lohnenswerter Prozess, für Besuchte und Besuchende! Ich bin überzeugt, dass wir alle viel davon mitnehmen konnten und freue mich sehr auf den nächsten Besuch. Bis es die Möglichkeit eines BüZ-Besuches für uns in Bonn gibt, wird es wohl leider noch einige Zeit dauern, da wir ja erst sehr frisch zum Schulverbund hinzugestoßen sind. Wenn es soweit ist, können wir uns aber darauf freuen, reich beschenkt zu werden!

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